Testbericht

Epos ES-28N Testbericht

Mit Kanten, Schrägen und drei Wegen zum guten Klang

Hat Karl-Heinz Fink mit der Epos ES-28N wieder einen großen Wurf gelandet?

 

Ob der deutsche Lautsprecher-Entwickler beim Kauf der Marke Epos im Jahr 2020 auch an epische Produkte gedacht hat, ist nicht überliefert. Aber ein Epos ist eine lange, erzählerische Gedichtform, die große, heldenhafte Geschichten und historische Themen behandelt. Ich gehe zumindest mal davon aus, dass Fink große Motivation hatte, seine Erfahrung einzubringen, um der legendären Marke neues Leben einzuhauchen. Von einem Lautsprecher mit diesem Namen darf man sich daher schon einen „epischen“ Klangcharakter erwarten: Räumlich, dynamisch und emotional intensiv, mit kräftigem Bassfundament und breiter Bühne. Diese Haltung habe ich jedenfalls, auch weil ich die kleine Schwester, die Epos ES-7N, auch bereits testen durfte. Und die hat meine Erwartungen durch die betörende Wiedergabe hochgeschraubt.

Doch zuerst mal langsam erzählt. So nach dem Motto “Eines nach dem anderen”, denn in einem klassischen Epos geht der Held auch nicht gleich zur Sache. Wieso ist die Firma Epos für viele eine Legende? Das hat wohl viel mit dem Kopf hinter den Produkten zu tun. Denn Gründer Robin Marshall hat es verstanden, den Markt mit außergewöhnlich guten Lautsprechern zu verwöhnen. Der britische Lautsprecherhersteller hatte in den 1980er Jahren einen beachtlichen Höhenflug, denn durch innovative Ideen belebte er den HiFi-Markt und mit der Epos ES-14 schuf er einen legendären Lautsprecher, der sich wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln verkaufte. Der Klang schmeckte offenbar vielen HiFi-Fans. Leider ging die Geschichte dann nicht so erfolgreich weiter. Sie folgte eher der Textzeile “what goes up must come down” im Song “Learning to fly” von Tom Petty. Weil die jeweiligen nachfolgenden Besitzer Mordaunt-Short und dann Creek Audio die Marktergebnisse nicht auf dem Niveau fortführen konnten.

 

Aller guten Dinge sind drei

Nun versucht eben Karl-Heinz Fink, auch kein Unbekannter in der Lautsprecherbau-Szene, die Geschichte zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Drei Modelle umfasst das Sortiment, den Nahfeldminitor Epos ES-7N, dann die Epos ES-14N, die die Legende beerben soll und ein Neuinterpretation in Form eines ausgeklügelten Zwei-Wege-Lautsprechers (das Wort kompakt mag ich aufgrund der Größe nicht verwenden) darstellt und zur Ergänzung eben ein Standlautsprecher mit der Bezeichnung ES-28N. Wer den Weg von Karl-Heinz Fink etwas verfolgt hat, weiß dass der erfahrene Entwickler eine Präferenz zu Zwei-Wege-Lösungen und minimaleren Designs hat, die in der Praxis oft eine besonders hohe Effizienz und feine Raumsystematik liefern.  Die Epos ES-28N sticht daher als Drei-Wege-System etwas heraus. Egal welches Grundprinzip vorliegt, eine Gemeinsamkeit gibt es immer. Er legt viel Wert auf die Chassis und ein zentrales Thema in seinen Projekten ist die zielgerichtete, lineare Abstrahlung mit geringem Grenzbereich, gepaart mit praxisgerechter Raumakustik. Und für Fink ist es ebenso eine enge Abstimmung von Treiberverhalten, Gehäusevolumen, Dämpfung und Frequenzweichen-Topologie wichtig, um eine ausgewogene Impulsreaktion zu erreichen. Im Hochtonbetrieb kommt bei allen drei Epos Modellen eine 28mm-Kalotte zum Einsatz, die dank ihrer Beweglichkeit Frequenzen bis etwa 25 kHz wiedergeben kann. Der Aluminiumkegel hat eine keramische Oberfläche. Zum Membranschutz ist der Tweeter hinter einem Schutzgitter platziert. Dieser Hochtöner hat schon in den beiden kleineren Modellen für Furore gesorgt. Gutes muss man nicht zwanghaft verändern, dachte sich wohl auch Fink.

Aus der Mitte heraus gestärkt

Der Mitteltöner übernimmt ab 2,7 kHz und ähnelt dem Tieftöner der ES-7N. Seine Polypropylen-Membran gehört zur Epos-Tradition: Das Material ist widerstandsfähig, lässt sich durch Füllmaterialien (z. B. Glimmer) weiter verstärken und lässt sich spritzgegossen herstellen. Mit der passenden Sicke lassen sich Resonanzen minimieren, wodurch Dynamik und Verfärbungsfreiheit steigen. Die weiche, flexible Sicke reduziert zudem Verzögerungen. In Kombination mit der Nomex-Spinne ergibt sich eine lineare Aufhängung. Das Antriebsystem ist simulationsoptimiert: Induktivitätsschwankungen wurden minimiert und eine Doppelmagnet-Anordnung kompensiert das Magnetstreufeld. Auch hier lässt Fink seine Erfahrung spielen.

 

Ab in den tiefsten Basskeller

Ein gutes Mittelfeld ist auch im Fußball nicht verkehrt. Doch was beim Spiel mit dem ledernen Ball der Sturm/Angriff ist, kann in der Audio-Wiedergabetechnik dem Bass-Bereich zugeordnet werden. Hier bedarf es manchmal der gezielten Attacke. Für den Bass sind zwei 18-Zentimeter-Woofer zuständig. Eine flache Membran, also ohne Wölbung, gilt laut Karl-Heinz Fink als ideale Lösung. Fink, der viele namhafte Lautsprecher entwickelt hat, ist einer der versiertesten Klippel-Experten. Er findet somit passende Lösungen für Treiberanforderungen. So bekam der ES-28N-Tieftöner eine leicht andere, flache Membran. Für andere Firmen wäre das problematisch, doch das erfahrene Entwickler-Team kann sich da auf professionelle Berechnungen verlassen. Umfangreiche Messungen (u. a. Laser-Vibrometrie) und Simulationen werden da durchgeführt, gefolgt von Hörtests in einem hervorragenden Raum. Das betrifft aber nicht nur die Membrane und Chassis, sondern auch das Gehäuse ist für Fink und sein Team von großer Bedeutung.

 

Ein Schwergewicht steigt in den Ring

Die 28er bringt pro Stück immerhin 35kg Gewicht auf die Waage. Und das ist dem doppelwandigen MDF-Gehäuse geschuldet. Die beiden Schichten sind für ein besseres Dämpfungsergebnis noch mit einer Viskosesicht getrennt. Ich selbst besitze die Q Acoustics Concept 500, die ebenfalls aus der Feder von Karl-Heinz Fink stammt. Auch bei dieser beruht die hervorragende Dämpfung auf einem mehrschichtigen Aufbau des Gehäuses. Viel Aufwand, der aber aus meiner Hörerfahrung auch viel bringt. Ich sage nur Klopftest. Zu einer professionellen Konstruktion gehört auch die Frequenzweiche. Robin Marshall hätte wahrscheinlich eine weichenlose Lösung bevorzugt, doch Fink präsentiert mit der ES-28N so etwas wie einen Gegenentwurf: eine sehr aufwändige 24-dB-Linear-Phase-Weiche nach Linkwitz/Riley. Diese ist sehr steilflankig ausgelegt und benötigt einige gute Bauteile, was die Kosten erhöht.

 

Auffällig anders im Außenauftritt

Zum Lautsprecherbau gehört nicht nur eine Portion Erfahrung, sondern auch manches Mal Mut etwas anders zu machen. Diese Andersartigkeit kommt nicht nur bei technischen Ausprägungen, sondern auch beim optischen Design selbst zum Vorschein. Über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten. Aber neben den klassischen Oberflächen weiß matt und schwarz matt sowie Walnuss hat Epos auch eine Farbe namens Jade grün im Programm. Also dezent ist anders und mein Testexemplar besticht mit dieser außergewöhnlichen Farbkombi. Das knallige Orange der kleinen Epos ES-7N ist diesem Modell vorbehalten. Dieser auffällige Lack war wohl auch den Designern dann zu gewagt. Der Markt wird – wie immer – entscheiden, ob der Mut belohnt wird. Als Tester und genussvoller Hörer sucht man halt auch immer ein Haar in der Suppe. Das ist für mich die Tatsache, dass ich die sichtbare Verschraubung der Chassis in dieser Preisklasse nicht umwerfend finde. Und die Abdeckung per Stecklöcher hat man auch schon eleganter gelöst gesehen. Die Kanten und Schrägen sowie die Neigung nach hinten geben ihr im wahrsten Sinne des Wortes einen dynamischen Auftritt.

 

Ein vollmundiger Bass braucht Kontrolle

Die Epos ES-28N hat am Papier einen mittleren Wirkungsgrad von 86,1 dB aufzuweisen. Um den Höreindrücken etwas vorzugreifen: Ich hätte da gefühlt (bzw. gehört) einen höheren Wert angesetzt. Die Abstimm-Frequenz des Bassreflexsystems liegt bei 30 Hertz), der Tiefbass fällt ab 100 Hertz ganz sanft ab. Mein Eindruck ist, dass es der Box niemals an zu wenig Tiefgang mangelt, eine damit angestrebte Wand-nahe Aufstellung könnte also problematisch werden. Mein Tipp: Besser doch etwas abrücken und dem Lautsprecher Luft lassen. Ich bin ein Fan von maximal Schub, so nach dem Motto der guten alten TV-Serie “Raumschiff Enterprise”, wo der Spruch “Scotty, Energie!” zum Sager für den Transport per Beamer wurde. Die Epos haben Energie, darum ist die Aufstellung nicht ganz unproblematisch. Mir standen zum Testen auch die Blue Horizon Spike Shoes Extreme zur Verfügung. Diese kamen unter die Füße der Standbox und haben dem Bass der Epos ES-28N gutgetan, denn damit kam mehr Kontrolle der tiefen Frequenzen ins Spiel, ohne den dynamischen Grundcharakter zu beschneiden.

 

Die Geschichte von Klanghelden und Raummoden-Monstern

So nun genug der Erklärungen. Wollen wir unseren Helden wie Odysseus auf den Hör-Marathon schicken? Prüfen, ob er wie Achilles ein toller Kämpfer ist, aber dennoch Schwachstellen hat? Schauen, ob er so einen kraftvollen Eindruck wie Herkules hinterlässt und durch nichts in die Knie zu zwingen ist? Ich höre da ein lautes “JA” aus der Leserschaft. Euer Wunsch ist mir Befehl.

Meine erste Begegnung mit der Epos ES-28N hatte ich bei der High End Messe in Wien, wo sie gemeinsam mit Canor-Elektronik und dem damals neuen Eversolo A8 Streamer dem Publikum präsentiert wurde. Man hat für die Veranstaltung dankenswerterweise auch Aufwand bei der Raumakustik betrieben und so war der erste Eindruck für mich persönlich ein positiver. Eine umfassende und tiefgreifende Bewertung ist aufgrund der Messe-Umgebung meist schwierig bis kaum möglich. Aber ich saß dort länger als geplant und hatte meine Hörfreude. Und seit dem Tag freue ich mich, diesen Lautsprecher in meiner Kette zu hören. Das sei hier explizit erwähnt, dass meine Eindrücke von mehreren Wochen des Musikhörens mit den Epos-Lautsprechern stammen. Denn nur dann kann man vielseitige Beurteilungen vornehmen.

Eine Helden-Reise wird zur Klang-Reise

Ich mach es mal kurz. Sie hat Charme, Charisma und Profil! Die Epos Standlautsprecher hat im Hochton die gleiche Präsenz wie die kleineren Modelle. Die Kalotte bringt eine klare, luftige Hochtonwiedergabe mit sich – prägnant, aber nicht nervig. Das Betörende für mich ist, dass Instrumente wie eine Schelle, ein Hi-Hat oder ähnliches eine physische Präsenz im Klangbild erhalten. Das kannte ich bisher so nicht. Das ist nicht nur tss, tss,tss oder ting, ting, ting sondern sie liefert Rauminformation und eine Aussage über die physikalische Beschaffenheit des Ton-produzierenden Gegenstands. Das Impulsverhalten ist vorbildhaft und der Detailreichtum im Klangbild ist enorm, ohne in ausufernde analytische Besessenheit abzurutschen.

Die Stunde der großen Epos schlägt dann, wenn sehr gut aufgenommene Stimmen mit einer organischen Natürlichkeit in den Raum transportiert werden, die gut ausbalanciert zwischen Emotionalität und Transparenz wiedergegeben werden. Mir kam immer wieder das Wort “glaubhaft” in den Sinn. Also auch im Mitten-Frequenzband gibt es ein Daumen hoch. Und dann der Bass! Egal ob Bass-Gitarre, Schlagzeug, Orgel, e-Drums oder Klavier in den unteren Oktaven. Das hat eine enorme Präsenz und wer will kann es zu irrsinnigen Pegeln treiben, die immer noch halbwegs verzerrungsfrei abgehandelt werden. Ich denke, dass bei den meisten nicht der Lautsprecher der limitierende Faktor wäre, sondern die Raummoden. Mit so einem Lautsprecher im Raum, sollte man sich auf jeden Fall sehr viele Gedanken über Absorber machen und man bekommt schnell mit, wo es mitschwingende Gegenstände gibt.

 

Ein Held kommt selten allein

Und auch die Wahl des Verstärkers will gut überlegt sein. Denn es braucht schon etwas Power die 28N auf Trab zu bringen. Und ich persönlich würde nicht einen zu Analytik und bedingungsloser Dynamik getrimmten Verstärker als Spielpartner wählen. Das könnte zu viel des Guten ergeben. Wie es der Zufall so will, steht mir für den Test neben meinem Gato Audio AMP-150 der oftmals angekündigte und nun tatsächlich verfügbare Canor Virtus A3 testweise zur Verfügung. Eine passende Kombination, um mal direkt eine Empfehlung auszusprechen. Dieses Gespann macht schon Laune. Ich offenbare da keine neue Erkenntnis, aber es gehört zu den Grundlagen, dass eine HiFi-Kette immer die Summe aller Komponenten darstellt. Ein toller Lautsprecher macht noch kein audiophiles Erlebnis. Und ein guter Verstärker allein ebenso nicht, aber die Kombination der passenden Bausteine kann das und man ist im audiophilen Himmel.

 

Von leise bis laut und weiter zu ganz laut

Ein positiver Effekt der Epos-Abstimmung ist die Tatsache, dass es diese hohen Pegel für eine ausgewogene Wiedergabe aller Frequenzbereiche gar nicht benötigt. Man kann mit ihnen auch sehr gut leise hören. Aber wenn man will, dann hat man auch das Live-Konzert wahrhaftig zuhause vom Hörplatz aus. Mit dem Tiefbass-Kick in die Magengrube inklusive. Das klingt jetzt so, als wäre sie eine Box für Brachiales. Nein, sie kann auch dezent, musikalisch und emotional. Jedoch ist die Fähigkeit mit dynamischen Musiksignalen fast 120 Dezibel Schalldruck zu erreichen, bevor sie zu stark in die Verzerrung kommt, schon eine Hausnummer.

 

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Lautsprecher als Lichtgestalten

Ich könnte jetzt wie viele Redakteure einzelne Songs rauspicken, um gewissen Passagen, Besonderheiten oder Unterschiede hervorzustreichen. Aber ich denke, dass gerade der direkte Vergleich zu einer anderen Box besser die jeweiligen Eigenschaften nachvollziehbarer macht. Da ich die Concept 500 von Q Acoustics sehr gut kenne, ziehe ich diese heran. Denn sie ist ja auch eine Fink-Konstruktion und mit genauso viel Akribie im Detail geplant. Sie ist optisch und akustisch aber doch anders ausgerichtet. Die Epos 28N ist dynamischer, agiler, transparenter mit Fokus auf Detailtreue und baut auf ein beachtliches Bass-Fundament, während die Concept 500 als Zwei-Wege-D’Appolito-Layout eine großzügige, wärmere Allround-Abstimmung bietet, die durch holografische Raumtiefe und musikalischem Fluss punkten kann. Um es übertrieben und bildlich zu kommunizieren: Die Epos ist wie ganz viele LED-Taschenlampen, die gezielt schnell auf die Instrumente und Stimmen leuchten. Wie ihre äußere Form, die einem Kristall ähnelt, hat sie auch akustisch mehr Kanten. Die Q Acoustics Concept erleuchtet das Musikgeschehen wie ein großer Strahler mit warmem Licht. Auch hier könnte man die rundlichen Formen des Concept-Gehäuses als Sinnbild für das abgerundete Klangideal sehen. Das ist natürlich übertrieben, aber trifft meiner Meinung die unterschiedlichen Grundcharaktere. Aber beide wären keine außergewöhnlichen Lautsprecher, wenn sie nicht auch die jeweiligen anderen Eigenschaften abdecken könnten. Mit Kabel und Elektronik lassen sich natürlich diese Aspekte maßgeblich beeinflussen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Am besten hört man sich seine Lautsprecher-Helden in entspannter Atmosphäre an, um festzumachen, welche Schallwellen zum eigenen HiFi-Epos passen. Am Ende sollte ein happy end stehen. Die Epos ES-28N hat die Anlagen, um das zu erreichen. Sie besticht durch ihre Spielfreude, ihre Dynamikfähigkeiten und ihre Fähigkeit eine große Bühne dazustellen.

 

 

 

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Ihr Gerd Wallner,
HeimkinoPLUS

 

 

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