Blog
Kann ich auch irgendein anderes Mikrofon für Audyssey verwenden?
Hoppla, nun ist es doch passiert. Du willst deinen Denon- oder Marantz-AV-Receiver neu einmessen, kannst aber das mitgelieferte Messmikrofon nicht mehr finden. Also stellt sich die Frage: Kannst du zum Einmessen mit Audyssey auch ein anderes Mikrofon verwenden?

Das Original-Messmikrofon, das mit AV-Receivern von Denon und Marantz mitgeliefert wird
Es gibt verschiedene Gründe, zu einem späteren Zeitpunkt nochmal eine automatische Einmessung durchzuführen. In jedem Fall wirst du dein Messmikrofon dafür brauchen. Hier erfährst du, worauf es dabei ankommt.
Musst du das Original Audyssey-Mikrofon für die Einmessung verwenden?
Um diese Frage gleich vorweg zu nehmen: Ja, es muss das Original-Messmikrofon sein, das mit deinem AV-Receiver mitgeliefert wurde. Alternativ geht nur ein Mikrofon eines baugleichen AV-Receivers – also von einem identischen Gerät, oder zumindest aus derselben Serie und ungefähr derselben Preisklasse.
Nehmen wir an, du hast einen Denon AVC-X3800H, aber das Messmikrofon ist verloren gegangen. Als Ersatz kann man mit gutem Gewissen nur das Original-Mikrofon eines anderen AVC-X3800H empfehlen.
Zwar kommt theoretisch auch das Messmikrofon eines AVC-X4800H in Frage – zumindest ist das die naheliegendste Alternative – jedoch gibt es keine Garantie, dass diese Mikrofone wirklich identisch sind. Auch das Mikrofon aus einer früheren Generation, zum Beispiel vom Denon AVC-X3700H, wäre bestenfalls eine Notlösung.
Alternative Messmikrofone
Gänzlich ausgeschlossen sind die Messmikrofone anderer AVR-Hersteller, zum Beispiel von Yamaha oder Onkyo. (Wenn überhaupt, dann käme am ehesten noch Marantz in Frage, weil es sich hierbei praktisch um denselben Hersteller wie Denon handelt – aber auch das ist schon ein gewagtes Unterfangen.)
Ebenso sind neutrale Mikrofone ausgeschlossen, etwa vom PC für Headsets oder die Tisch-Aufstellung. Das ist besonders wichtig zu erwähnen, weil die Mikrofon-Anschlüsse in der Regel der gängigen Norm entsprechen und einen 3,5-mm-Klinkenstecker haben – man kann also sehr leicht auf die Idee kommen, das Messmikrofon wäre beliebig austauschbar.
Auch professionelle und qualitativ höherwertige Messmikrofone, wie etwa das beliebte UMIK-1, sind für eine normale Audyssey-Einmessung keine Alternative.
Du denkst nun vielleicht: Wie kann es sein, dass nicht mal ein qualitativ deutlich höherwertiges Messmikrofon als Alternative in Frage kommt? Dazu müssen wir etwas tiefer in die Gründe für diese “kaum vorhandene Austauschbarkeit” eintauchen.
Warum jedes Messmikrofon anders ist
Kein Mikrofon ist perfekt. Selbst die teuersten Mikrofone höchster Qualitätsstufe haben immer noch gewisse Schwachstellen:
- unterschiedliches Grundrauschen
- unterschiedlich starke Verzerrungen
- höhere bzw. niedrigere minimale und maximale Grenzfrequenzen
- mehr oder weniger glatter Frequenzgang
Je billiger ein Mikrofon produziert wird, desto größer sind diese Schwachstellen in der Regel. Und man muss ehrlicherweise sagen, dass die mitgelieferten Messmikrofone bei AV-Receivern der unteren und mittleren Preisklasse durchweg eher “billig” sind. Das macht sich bereits durch das sehr einfache Kunststoff-Gehäuse bemerkbar, aber auch durch den analogen Übertragungsweg zum AV-Receiver über mehrere Meter mit einem dünnen, ungeschirmten Kabel und dem einfachen Klinken-Anschluss.
Die Genauigkeit, mit der die mitgelieferten Mikrofone messen, darf also durchaus angezweifelt werden. Gerade deshalb macht es sich aber um so stärker bemerkbar, wenn ein anderes Messmikrofon verwendet wird.
Serien-Schwankungen inklusive
Denn genau wie die AV-Receiver, laufen auch die Messmikrofone als Zubehör von irgendeinem Fließband dieser Welt herunter. Die Hersteller ordern dabei eine gewisse Menge, um sie ihren AV-Receivern beizulegen und genügend Ersatzteile zu haben. Verkauft sich der AV-Receiver gut, wird nachproduziert, wofür früher oder später auch neue Messmikrofone vom Fließband laufen müssen.
Aber auch die einzelnen Bestandteile des Mikrofons werden in der Regel von irgendwo zugekauft. Die gesamte Produktion ist ständigen Schwankungen unterlegen. Zwar wird stets versucht, einen gleichbleibenden Qualitätsstandard zu halten; dennoch sind Schwankungen völlig normal und bis zu einem gewissen Grad auch akzeptabel.
Es versteht sich also fast von selbst, dass ein Messmikrofon aus der Serie von 2023 andere Ergebnisse liefern wird, als das Mikrofon von 2021. Selbst die Mikrofone der ersten jemals produzierten AVC-X3800H können einige Unterschiede gegenüber später produzierten Modellen aufweisen. Einfach weil sie aus einer anderen Produktions-Charge stammen (“ein Jahr später vom Fließband gefallen sind”).
So wird auch klar, warum gänzlich andere Mikrofone nicht für Messungen geeignet sind. Hier gibt es alleine schon vom Aufbau her so viele Unterschiede, dass ein Messergebnis nur völlig willkürlich ausfallen kann.
Der AV-Receiver kennt “sein” Mikrofon
Wie kann es nun aber sein, dass trotz der eher mittelmäßigen Qualität der mitgelieferten Messmikrofone am Ende immer noch ein brauchbares Ergebnis von deinem Einmesssystem geliefert wird? Dafür ist die interne Korrekturkurve des AV-Receivers verantwortlich.
Von professionelleren Messmikrofonen, wie dem UMIK-1, kennt man das sogenannte “Kalibierungs-File”. Das ist eine kleine Datei mit sehr spezifischen Angaben über den Frequenzgang des Mikrofons. Kurz gesagt steht darin genau beschrieben, bei welcher Frequenz das Mikrofon zu laut oder zu leise misst. Eine Software, die die Messergebnisse auswerten und weiterverarbeiten soll, verrechnet diese Informationen mit den Messergebnissen und kann dadurch die Eigenheiten des Mikrofons zum größten Teil neutralisieren. Sie rechnet sozusagen die Messfehler heraus.

Ein professionelles Messmikrofon: das beliebte UMIK-1
Im Idealfall wird eine solche Kalibrierung für jedes einzelne Mikrofon individuell durchgeführt. Das ist aber in der industriellen Massenfertigung nicht wirtschaftlich vertretbar möglich. Also muss es genügen, für jede Mikrofon-Serie oder bestenfalls noch jede Produktions-Charge einmalig eine Kalibrierung vorzunehmen.
Diese Kalibrierung – also die “Kenntnis von den Unzulänglichkeiten des Mikrofons” – wird normalerweise fest in der Software des AV-Receivers verankert. Der AV-Receiver kennt also sein Mikrofon, das mit ihm mitgeliefert wird und nur mit ihm zusammen Eingesetzt werden soll.
Das falsche Messmikrofon macht alles nur schlimmer
Wenn du nun also ein anderes Mikrofon für die Einmessung mit Audyssey verwendest, passiert folgendes:
- Das Mikrofon liefert ungenaue Ergebnisse, die der AV-Receiver nicht ausgleichen kann (weil er keine Kenntnis davon hat).
- Stattdessen wendet der AV-Receiver die Korrekturen für sein eigentliches Messmikrofon an (weil er gar nicht anders kann und auch gar nicht weiß, dass nicht sein eigenes Mikrofon angeschlossen ist).
Wenn das verwendete Ersatz-Mikrofon eine sehr große Ähnlichkeit zum Original-Mikrofon hat, kann das noch einigermaßen gut gehen. Die Abweichungen sind dann sehr gering und wirken sich bestenfalls nur geringfügig aus.
Bei einem völlig anderen Mikrofon hingegen führt das zwangsläufig zu gravierenden Fehlinterpretationen der akustischen Gegebenheiten. Es wäre fast schon besser, gar keine Einmessung vorzunehmen, als eine mit einem stark vom Original abweichenden Mikrofon.
“Aber bei mir hat die Einmessung funktioniert”
Ja, natürlich funktioniert die Einmessung grundsätzlich auch mit einem völlig anderen Mikrofon. Das Problem dabei ist nur, dass du als durchschnittlicher Endanwender gar nicht prüfen kannst, ob das, was da gemessen und korrigiert wurde, wirklich korrekt ist.
Audyssey zeigt dir in der App die Vorher- und Nachher-Kurve in grün und rot an.
- Die grüne Kurve zeigt den Frequenzgang (SPL, Sound Pressure Level) wie er gemessen bzw. interpretiert wurde. Würdest du die Messungen mit völlig unterschiedlichen Mikrofonen vornehmen, so würdest du auch teilweise sehr stark abweichende Ergebnisse erhalten.
- Die rote Kurve zeigt das Ergebnis, nachdem Audyssey den Frequenzgang “glatt gebügelt” hat. Das entspricht zwar nicht der Realität, aber das wollen wir an dieser Stelle lieber nicht vertiefen.
Die grüne Kurve sieht immer “schlimm” aus. Das ist normal und soll sogar so sein. Denn um so beeindruckender ist dann die geglättete rote Kurve.
Wenn Audyssey hier aber von falschen Parametern (aufgrund einer falschen Messung) ausgeht, wird es zwangsläufig auch falsche Korrekturen anwenden. Für dich siehst die rote Kurve aber immer toll aus! Du merkst also nicht, dass du hier massiv getäuscht wirst – und nicht einmal Audyssey weiß es.
Fazit – kein anderes Mikrofon für Audyssey verwenden
Verwende also ausschließlich das mitgelieferte Original-Messmikrofon für deine Einmessungen mit Audyssey. Nur so ist gewährleistet, dass du verlässliche Ergebnisse bekommst und der Klang deines Heimkino-Systems wirklich verbessert wird.
Wenn du das Original-Mikrofon nicht mehr hast, versuche beim Hersteller oder über deinen Händler einen Ersatz zu bekommen – genau passend für dein AV-Receiver-Modell oder zumindest ein möglichst nah verwandtes Modell aus derselben Generation. Als letzter Ausweg bleibt nur, das Mikrofon bei jemandem auszuleihen oder mit etwas Glück eines gebraucht zu kaufen.